Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,
sehr geehrte Studierende,
im Sommersemester 2017 wird die Ringvorlesung Psychotherapie wieder Brücken schlagen.

Im letzten Vortrag unserer Reihe zum aktuellen Stand der vier Grundorientierungen der Psychotherapie in Deutschland wird Prof. Jürgen Kriz aus Osnabrück die Lage der Humanistischen Therapien darstellen, die (für viele früher unvorstellbar) heute nahezu völlig aus der universitären Lehre verschwunden sind, trotz der anerkannten Evidenzbasierung der Gesprächspsychotherapie. Im Gegensatz dazu wird Frau Dr. Brähler von einem neuen schulenübergreifenden Ansatz in der Psychotherapie berichten, der Compassion-Focussed Therapy (CFT), der im Englischsprachigen Raum aktuell sehr große Aufmerksamkeit erfährt. Frau Prof. Cornelia Exner aus Leipzig wird bei uns die Brücke zwischen Verhaltenstherapie und Neuropsychologie schlagen und uns zu ihrer Arbeit mit hirngeschädigten Patienten berichten.

Wir hoffen, dieses Programm stößt auf Ihr Interesse.
Mit freundlichen Grüßen

Dr. Michael Odenwald, Anne Schawohl


20.04.2017 11.05. 2017 01.06.17
Raum A702 Raum A702 Raum A702
19:30 – 21:00 19:30 – 21:00 19:30 – 21:00
Prof. emer. Dr. Jürgen Kriz Prof. Dr. Cornelia Exner Dr. Christine Brähler
Universität Osnabrück Universität Leipzig Universität Glasgow und private Praxis München
     
Humanistische Psychotherapie: gegenwärtiger Stand und Entwicklungstendenzen Psychotherapie nach erworbenen Hirnschädigungen: Kombination verhaltenstherapeutischer und neuropsychologischer Behandlungsmethoden Selbstmitgefühl in der Psychotherapie
     
Humanistische Psychotherapie (HPT) ist eine der vier großen Grundorientierungen (neben der psychodynamischen, der verhaltenstherapeutischen und der systemischen Psychotherapie). Formell tritt HPT in Deutschland erst seit einigen Jahren als ein gemeinsames „Verfahren“ im Sinne der anderen drei Cluster auf. Der Vortrag wird die Essentials und gemeinsamen Wurzeln der historisch gewachsenen und mit unterschiedlichen Schwerpunkten ausdifferenzierten Ansätze der HPT darstellen und auf die Entwicklung(smöglichkeiten) der HPT in Deutschland eingehen. Denn einerseits ist nicht zu übersehen, dass im Zuge realer und internationaler Integration psychotherapeutischer Konzepte gerade vieles von der HPT in die anderen Verfahren eingeflossen ist. Auf der anderen Seite ist aufgrund der rigiden Richtlinien-Struktur in Deutschland die in der Praxis und an Universitäten bis 1999 sehr gut verankerte HPT als genuiner Ansatz ins Abseits gedrängt worden.  Brauchen wir also überhaupt (auch) in Deutschland eine HPT? Für Patienten mit einer erworbenen Hirnschädigung stellen bleibende neuropsychologische Störungen das größte Hindernis für die Rückkehr in ein selbstständiges Leben im Alltag dar. Gleichzeitig ist nach einer Hirnschädigung das Risiko, eine psychische Störung zu entwickeln, lebenslang erhöht. Komorbide psychische Störungen nach einer Hirnschädigung, insbesondere Depressionen, reduzieren zusätzlich das psychosoziale Funktionsniveau und gefährden den weiteren Rehabilitationserfolg. Die Behandlung dieser komplexen Problemlagen erfordert die Integration neuropsychologischer und psychotherapeutischer Interventionstechniken. Der Vortrag gibt einen Überblick über die empirische Befundlage zur Wirksamkeit integrativer Behandlungsansätze zur Förderung der langfristigen Anpassung an die Folgen einer erworbenen Hirnschädigung. Exemplarisch werden Erfahrungen und Ergebnisse aus einem integrativen Modellprogramm für die postakute ambulante Behandlung kognitiver und psychischer Störungen nach erworbenen Hirnschädigungen vorgestellt. Fallbeispiele verdeutlichen die Problemlagen und therapeutischen Vorgehensweisen. Scham und Selbstverurteilung sind zentrale transdiagnostische Prozesse, die psychische Erkrankungen aufrechterhalten. Geborgenheit, Verbundenheit, Güte sowie die Fähigkeit, Fürsorge annehmen zu können, sind wichtige Aspekte des Mitgefühls, die notwendig sind, um belastende Emotionen effektiv zu regulieren. Studien belegen die positiven Wirkungen von Mitgefühl auf Emotionsregulation, Perspektivübernahme und Wohlbefinden sowie dem Rückgang von Angst, Depression und Stress in klinischen-und nicht-klinischen Gruppen. Selbstmitgefühl erscheint zudem ein zentraler Wirkmechanismus in der Psychotherapie und im Achtsamkeitstraining zu sein. In den letzten Jahren wurden Trainingsprogramme und psychotherapeutische Interventionen entwickelt, die Mitgefühl mit uns selbst und mit anderen explizit trainieren.
In diesem Vortrag werden folgende Inhalte vermittelt: 1) das theoretische Modell von Mitgefühl, 2) der Forschungsstand zur Anwendung von mitgefühlsbasierten Interventionen, 3) Selbstmitgefühl und Mitgefühl als implizite Haltung des professionellen Helfers und als explizite psychotherapeutische Intervention.